Putin verstehen
Auf deutsch zusammengefasste Interviews von Russland-Expert*innen (2017-2023)
"Russland, das ist nicht das Land der Barbaren, sondern ein Land mit einer großen Kultur und vielfältigen historischen Verbindungen zu Deutschland"
- Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder
Die Einschätzung von Schröder und seiner Russland-Connection hat lange die Verbindungen zu Russland geprägt und war Legitimation dafür, Deutschland von russischem Gas abhängig zu machen. Deutsche Politiker*innen insbesondere aus der SPD und der Union haben dabei übersehen, wie imperialistisch und autoritär Pution denkt.
Dieser Substack versammelt deutschsprachige Zusammenfassungen ausgewählter Interviews mit Russlandexpertinnen und -experten aus drei Dokumentarserien des amerikanischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks Frontline (PBS):
Putin’s Revenge (2017),
Putin’s Road to War (2022) und
Putin and the Presidents (2023).
Die Interviews geben tiefe Einblicke in Wladimir Putins politische Sozialisation, seine Denkweise und seine langfristigen strategischen Ziele.
Ich habe diese Gespräche kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine gesehen und häufig weiterempfohlen – allerdings mit begrenzter Resonanz, nicht zuletzt wohl wegen der Sprachbarriere und des zeitaufwendigen Hörens englischer Podcasts.
Die hier vorliegenden Zusammenfassungen habe ich mithilfe von ChatGPT erstellt. Da ich die Gespräche nicht erneut vollständig gehört habe, kann ich nicht ausschließen, dass einzelne Akzente anders gesetzt wurden oder sich vereinzelt Ungenauigkeiten eingeschlichen haben.
Bei der Auswahl habe ich bewusst weibliche Stimmen in den Vordergrund gestellt, die in der öffentlichen Debatte oft zu wenig Gehör finden. Die vollständige Interview-Reihe sind weiterhin auf YouTube verfügbar; entsprechende Links finden sich am Ende des Textes.
Julia Ioffe, 2017
Der vorliegende Podcast zeichnet ein vielschichtiges Bild von Wladimir Putins politischem Denken, seinen sicherheitsdienstlichen Prägungen und den langfristigen Folgen dieser Weltsicht für Russland, Europa und die Vereinigten Staaten.
Zentral ist dabei eine Grundannahme, die sich wie ein roter Faden durch das Gespräch zieht:
Putin glaubt nicht an spontane, organische Protestbewegungen. Für ihn ist politischer Widerstand stets Ergebnis gezielter Steuerung — finanziert, organisiert und gelenkt durch feindliche Geheimdienste.
Diese Überzeugung bildet den Schlüssel zum Verständnis:
der Repressionen nach 2011/2012,
der russischen Wahrnehmung des Maidan,
der Annexion der Krim,
der Eskalation gegenüber dem Westen,
und letztlich auch der russischen Intervention in westliche Demokratien.
Putins Weltsicht: Geheimdienstlogik statt Zivilgesellschaft
Julia Ioffe beschreibt Putin als Produkt der sowjetischen Sicherheitsapparate. Seine politische Sozialisation sei geprägt von der Vorstellung, dass nichts zufällig geschieht und jede Massenbewegung gesteuert wird.
„Er glaubt nicht an organische Proteste. Er glaubt nicht, dass irgendetwas einfach passiert.“
Aus dieser Perspektive heraus werden Demonstranten nicht als Bürger verstanden, sondern als:
bezahlte Akteure,
Werkzeuge fremder Mächte,
Vorboten eines Regimewechsels.
Russische Staatsmedien, vollständig unter Kremlkontrolle, verstärken diese Sichtweise systematisch. Proteste werden dort konsequent dargestellt als:
vom US-Außenministerium organisiert,
von der CIA finanziert,
getragen von westlichen NGOs als Tarnorganisationen.
Die Botschaft an die russische Bevölkerung ist eindeutig:
Putins größter Albtraum — der vom Westen orchestrierte Sturz der eigenen Regierung — stehe unmittelbar bevor.
Die Lehre aus 2011/2012: Repression statt Reform
Nach den Massenprotesten 2011–2012 reagierte der Kreml nicht mit Öffnung, sondern mit struktureller Abschottung.
Ein zentrales Instrument war das sogenannte „Agentengesetz“:
Russische NGOs mit ausländischer Finanzierung mussten sich fortan offiziell als „ausländische Agenten“ kennzeichnen — ein Begriff, der im russischen Sprachraum unmissverständlich mit Spionage und Landesverrat assoziiert ist.
Die Folgen:
Finanzierungsquellen der Opposition versiegten
Organisationen zerfielen
politische Netzwerke wurden geschwächt
scheinbare Stabilität wurde wiederhergestellt
Aus Putins Sicht war die Bedrohung neutralisiert.
Der Maidan als Wiederkehr des Albtraums
Diese Stabilität erwies sich als trügerisch.
Als sich Ende 2013 in Kiew erneut Menschen auf dem Maidan versammelten — und nicht nach Hause gingen — löste dies im Kreml Alarm aus.
Für Putin war die Situation doppelt bedrohlich:
Die Proteste erinnerten stark an frühere „Farbrevolutionen“
Die russische Opposition beobachtete aufmerksam und begann zu vergleichen
In sozialen Netzwerken kursierten Fragen wie:
„Warum können die Ukrainer das — und wir nicht?“
Damit kehrte genau jene Dynamik zurück, die Putin für überwunden hielt.
Bestätigung der eigenen Paranoia: Die Rolle der USA
Aus Kremlperspektive schien sich die eigene Verschwörungsthese zu bestätigen:
US-Diplomaten zeigten Präsenz
Victoria Nuland verteilte öffentlich Lebensmittel
westliche Unterstützung war sichtbar
Für Putin bedeutete dies:
„Der Westen stürzt Regierungen — und wir sind die Nächsten.“
Diese Wahrnehmung wurde zusätzlich verstärkt durch den Zeitpunkt:
Die Proteste eskalierten unmittelbar vor den Olympischen Spielen in Sotschi, einem Prestigeprojekt, in das Putin enormes politisches und finanzielles Kapital investiert hatte — bis hin zur Umleitung von Rentenmitteln und sicherheitspolitischen Zugeständnissen im Nordkaukasus.
Putin als sowjetischer Machtpolitiker
Ioffe beschreibt Putin als zutiefst sowjetisch geprägt. Internationale Großereignisse seien für ihn keine Nebensache, sondern Instrumente staatlicher Machtdemonstration.
Sport, Prestige und Stärke gehören in dieser Denkweise untrennbar zusammen.
Während die Welt die Olympischen Spiele verfolgte, bereitete sich der Kreml hinter den Kulissen bereits auf eine Eskalation in der Ukraine vor.
Eskalation und Gewalt: Der Wendepunkt
Der entscheidende Moment kam im Februar 2014, als ukrainische Sicherheitskräfte mit scharfer Munition auf Demonstranten schossen.
Nach späteren Erkenntnissen drängte Putin Präsident Janukowytsch ausdrücklich dazu, „bis zum Äußersten zu gehen“.
Die Schüsse auf dem Maidan markierten:
den endgültigen Bruch
den Zusammenbruch der bisherigen Ordnung
den Moment, in dem aus Protest Revolution wurde
Kurz darauf floh Janukowytsch.
Für den Kreml war dies der Beweis einer westlich orchestrierten Machtübernahme.
Schlussfolgerung dieses Abschnitts
Aus Putins Sicht wurde 2014 eine rote Linie überschritten:
Proteste galten endgültig als Waffe
der Westen als existenzielle Bedrohung
Zurückhaltung als Schwäche
Die logische Konsequenz lautete:
„Wenn der Westen so handelt, sind alle Regeln außer Kraft.“
Damit war der Übergang von defensiver Repression zu offensiver Gegenstrategie vollzogen.
Nawalny, Angst vor Ansteckung und der Übergang zur hybriden Kriegsführung
Alexei Nawalny: Zu gefährlich für das System
Im Gespräch wird Alexei Nawalny nicht als klassische Oppositionsfigur beschrieben, sondern als strukturelle Bedrohung für Putins Machtmodell.
Nawalnys Gefährlichkeit lag nicht primär in seiner Ideologie, sondern in seiner Fähigkeit zur Mobilisierung:
klare Sprache
Korruptionsenthüllungen mit konkreten Namen
Nutzung sozialer Medien
Anschlussfähigkeit über politische Lager hinweg
„Er war jemand, der Menschen auf die Straße bringen konnte — und das ist das Einzige, was Putin wirklich fürchtet.“
Bemerkenswert ist, dass Nawalny lange Zeit nicht verhaftet wurde, obwohl rechtliche Vorwände vorhanden gewesen wären. Laut Ioffe lag das an einem kalkulierten Risiko:
Ein offenes Wegsperren hätte ihn zum Märtyrer gemacht — genau das, was Putin vermeiden wollte.
Selektive Repression statt offener Gewalt
Der Kreml reagierte mit einem fein austarierten Repressionsmodell:
punktuelle Festnahmen
ständige juristische Bedrohung
Ausschluss von Wahlen
mediale Dämonisierung
Ziel war nicht, Nawalny sofort auszuschalten, sondern ihn:
zu ermüden
zu isolieren
politisch handlungsunfähig zu machen
Diese Strategie spiegelte Putins grundlegende Logik wider:
Nicht offene Konfrontation, sondern kontrollierte Einschüchterung.
Die Lehre aus der Ukraine: Proteste sind ansteckend
Die Ereignisse in der Ukraine wirkten wie ein Katalysator.
Putin habe erkannt, dass politische Bewegungen:
nicht an Staatsgrenzen haltmachen
symbolische Wirkung entfalten
Erwartungen verändern
Der Gedanke, dass Russinnen und Russen ihre Regierung aktiv herausfordern könnten, wurde zur existenziellen Bedrohung.
„Wenn es dort geht, könnte es auch hier gehen.“
Diese Angst erklärte laut Ioffe die zunehmende Brutalisierung der Innenpolitik — und zugleich den Blick nach außen.
Der Perspektivwechsel: Angriff ist die beste Verteidigung
An diesem Punkt setzt eine strategische Verschiebung ein:
Statt ausschließlich das eigene System zu schützen, begann der Kreml, die Systeme anderer zu untergraben.
Die Logik dahinter:
Wenn der Westen Proteste exportiert,
dann exportieren wir Instabilität zurück.
Damit beginnt die Phase der hybriden Kriegsführung:
Desinformation
Cyberoperationen
Unterstützung extremistischer Gruppen
gezielte Polarisierung westlicher Gesellschaften
2016 als Kulminationspunkt
Die US-Wahl 2016 erscheint im Podcast nicht als isoliertes Ereignis, sondern als logische Folge dieser Entwicklung.
Putins Motivation sei dabei weniger ideologisch gewesen als strategisch:
Schwächung des westlichen Modells
Zerstörung moralischer Überlegenheit
Demonstration eigener Handlungsfähigkeit
„Wenn eure Demokratien so stabil sind, warum können wir sie dann so leicht durcheinanderbringen?“
Der Erfolg dieser Intervention — unabhängig vom konkreten Wahlausgang — bestätigte aus Kremlsicht die eigene Analyse.
Trump als Projektionsfläche
Donald Trump wird nicht als russischer Agent dargestellt, sondern als ideale Projektionsfläche:
Misstrauen gegenüber Institutionen
Delegitimierung von Medien
Ablehnung demokratischer Verfahren
All dies entsprach exakt dem Narrativ, das der Kreml seit Jahren propagierte.
„Trump musste nicht gesteuert werden — er tat von selbst, was Russland nützte.“
Der langfristige Schaden
Ioffe betont, dass der eigentliche Erfolg Russlands nicht in einzelnen Wahlausgängen liege, sondern in der nachhaltigen Erosion von Vertrauen:
Vertrauen in Wahlen
Vertrauen in Medien
Vertrauen in staatliche Institutionen
Diese Zersetzung sei schwer rückgängig zu machen — selbst ohne weitere aktive Einmischung.
Zwischenfazit
Putins Entwicklung folgt einer klaren inneren Logik:
Angst vor Protest
Repression im Inneren
Eskalation durch externe Beispiele
Externalisierung der Bedrohung
Angriff auf fremde Systeme
Der Westen habe diesen Prozess lange unterschätzt — weil er von falschen Annahmen über Rationalität, Abschreckung und gegenseitiges Interesse ausgegangen sei.
Nullsummenlogik, gescheiterte Abschreckung und warum Verhandlungen ins Leere laufen
Putins Weltbild: Politik als Nullsummenspiel
Ein zentrales Motiv des Podcasts ist Putins grundsätzliches Weltverständnis.
Dieses unterscheidet sich fundamental von westlichen Annahmen über internationale Politik.
Putin gehe – so die Analyse – nicht von:
Interessenausgleich
Koexistenz
gegenseitigem Nutzen
aus, sondern von einer Nullsummenlogik:
„Wenn jemand gewinnt, verliert zwangsläufig jemand anderes.“
Kooperation wird in diesem Denken nicht als stabiler Zustand betrachtet, sondern als:
temporäre Schwäche
taktische Pause
Gelegenheit zur Vorbereitung
Das erklärt, warum selbst scheinbar stabile Phasen – etwa nach internationalen Abkommen – im Rückblick lediglich Zwischenstationen waren.
Warum Abschreckung nicht greift
Der Westen habe lange geglaubt, klassische Abschreckung funktioniere auch gegenüber Russland:
wirtschaftliche Sanktionen
diplomatische Isolation
militärische Kosten
Doch laut Podcast verfehlt diese Logik ihr Ziel, weil sie auf falschen Prämissen beruht.
Putin bewerte Kosten nicht absolut, sondern relativ:
wirtschaftlicher Schaden ist akzeptabel, wenn andere ebenfalls geschwächt werden
innenpolitische Repression kompensiert soziale Verluste
internationale Isolation stärkt das Narrativ der „belagerten Festung“
„Leiden ist kein Argument gegen Politik — es ist ein Instrument davon.“
Damit verliert Abschreckung ihre zentrale Wirkung: die Aussicht auf Verlust.
Verhandlungen ohne gemeinsamen Referenzrahmen
Ein weiterer Punkt: Warum Gespräche mit Putin immer wieder scheitern.
Der Podcast macht deutlich, dass es keinen gemeinsamen Verständigungsrahmen gibt:
Der Westen verhandelt über Regeln
Putin verhandelt über Kräfteverhältnisse
Zusagen gelten nur solange sie:
militärisch erzwungen
politisch alternativlos
strategisch nützlich sind
„Für Putin ist ein Vertrag kein Versprechen — sondern ein momentaner Zustand.“
Das erklärt, warum Vertragsbrüche im Kreml nicht als Normverletzung gelten, sondern als Beweis von Stärke.
Wahrheit als verhandelbare Größe
Besonders deutlich wird dies im Umgang mit offensichtlichen Widersprüchen.
Putin widerspricht sich öffentlich:
innerhalb eines Interviews
zwischen Pressekonferenzen
sogar innerhalb eines Satzes
Doch diese Widersprüche sind laut Podcast kein Zeichen von Chaos, sondern Methode.
„Widersprüche zwingen den Zuhörer zur Orientierungslosigkeit.“
Wer versucht, logische Kohärenz herzustellen, übernimmt bereits den Fehler:
Er sucht Sinn, wo bewusst keiner angeboten wird
Er interpretiert, statt zu konfrontieren
Die Rolle des Westens: Wunschdenken statt Analyse
Kritisch betrachtet der Podcast auch westliche Reaktionen:
Hoffnung auf „rationale Einsicht“
Erwartung innenpolitischen Drucks
Vertrauen in ökonomische Selbstkorrektur
All das sei Ausdruck eines projektierten Denkens:
Man unterstellt Putin dieselben Anreize, die im Westen gelten.
„Wir verhandeln mit dem Russland, das wir uns wünschen — nicht mit dem, das existiert.“
Die eigentliche Konstante: Angst vor Kontrollverlust
Trotz aller strategischen Komplexität reduziert der Podcast Putins Motivation auf einen Kern:
Angst vor Kontrollverlust.
Diese Angst erklärt:
Repression im Inneren
Aggression nach außen
die Fixierung auf Informationskontrolle
die Dämonisierung von Opposition und Medien
Nicht Stärke, sondern Fragilität sei der Motor des Systems.
Was folgt daraus?
Der Podcast vermeidet einfache Handlungsanweisungen, formuliert aber klare Schlussfolgerungen:
Verhandlungen sind möglich, aber nicht vertrauensbasiert
Abschreckung muss asymmetrisch gedacht werden
Informationspolitik ist ein zentrales Schlachtfeld
Erwartungsmanagement ist entscheidend
„Man kann mit Putin reden — aber nicht glauben, dass Reden ihn verändert.“
Schlussgedanke
Putin wird im Podcast nicht als irrational dargestellt, sondern als konsequent innerhalb eines autoritären Denkmodells.
Gerade diese innere Logik macht ihn:
berechenbar in seiner Unberechenbarkeit
gefährlich in seiner Konsequenz
resistent gegen klassische politische Instrumente
Der Westen stehe daher nicht vor einem Kommunikationsproblem — sondern vor einem Systemkonflikt, der sich nicht auflösen lässt, sondern nur managen.
Mascha Gessen, 2017
Masha Gessen ist eine renommierte Journalistin und Russland-Expertin, die sich seit Jahren intensiv mit der Politik und der Persönlichkeit Wladimir Putins beschäftigt. In diesem Interview analysiert sie Putins Machtstrategie, seine Wahrnehmung des Westens und seine Vorgehensweise in innen- und außenpolitischen Krisen.
Putins Bedürfnis nach Respekt und Anerkennung
Von Anfang an war für Putin ein zentraler Antrieb, dass Russland und er persönlich von der internationalen Gemeinschaft anerkannt und respektiert werden. Masha Gessen betont: „Es ist noch nicht einmal eine Frage der Länder, die NATO beitreten wollen. Es ist nur die Entscheidung der USA.“ Dieses Gefühl der Zurücksetzung entstand schon in den 1990er Jahren, als die NATO sich nach Osten ausdehnte und die USA Entscheidungen trafen, ohne Russland einzubeziehen. Putin interpretiert die Erweiterung der NATO als direkten Affront, selbst wenn es keine formale Garantie gegen NATO-Erweiterung gab. Für ihn war das eine Bestätigung, dass Russland und seine Interessen vom Westen ignoriert wurden.
Gessen beschreibt Putins Wahrnehmung der USA und des Westens als fundamental respektlos gegenüber Russland. Die Invasionen in Afghanistan und Irak, der Ausstieg aus dem ABM-Vertrag, und vor allem die NATO-Erweiterung, verstärkten das Gefühl, dass Russland trotz wirtschaftlicher und politischer Transformationen nicht als gleichberechtigter Partner anerkannt wird.
Konsolidierung der Macht in Russland
Während seiner ersten beiden Amtszeiten konsolidierte Putin systematisch die Macht. Er übernahm die Medienkontrolle, schaltete Wahlen in verschiedenen Ebenen aus und zentralisierte die politische Macht. Gessen betont:
„Er ist wirklich der Patriarch dieses Landes.“
Oligarchen wurden politisch entmachtet, behielten aber oft wirtschaftliche Macht im Austausch für Loyalität. Russland profitierte während dieser Jahre von wirtschaftlicher Prosperität, insbesondere durch steigende Ölpreise, wodurch Putin und sein Umfeld enormen Reichtum akkumulierten. Gleichzeitig wurde die Demokratie de facto abgeschafft, und Putin etablierte ein hierarchisches System, das Gessen als „Mafia-Staat“ bezeichnet: Ein Patriarch verteilt Macht und Ressourcen nach Loyalität, und nicht nach rechtlichen oder demokratischen Prinzipien.
Militärische Aufrüstung und Hybridkrieg
Ab Mitte der 2000er Jahre begann Putin, das Militär zu modernisieren und in hybride Kriegsführung zu investieren. Dazu gehörten Cyberangriffe, Jugendbewegungen und paramilitärische Einheiten, die sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch operieren konnten.
Ein frühes Beispiel ist der Konflikt um das Estnische Soldatenmonument 2007. Russland reagierte mit Protesten und DDoS-Angriffen auf die gesamte estnische Infrastruktur, die das Land lahmlegten. Gessen beschreibt dies als
„wie ein Präventivrevolution: Er hat die Gegenrevolution im eigenen Land gestartet.“
Ähnliche Mechanismen sah man später in Georgien und der Ukraine.
Diese Strategie zielte nicht nur auf militärische Stärke, sondern auch auf psychologische Kriegsführung und Demonstration von Macht. Die Armee, die Jugendbewegungen und Cyberfähigkeiten wurden gezielt eingesetzt, um sowohl innen- als auch außenpolitische Gegner einzuschüchtern.
Der „Medvedev-Moment“ und Putins Rückkehr
Die Präsidentschaft von Dmitri Medvedev (2008–2012) wird von Gessen als strategische Inszenierung beschrieben: Medvedev war ein Platzhalter, während Putin weiterhin die wahre Macht innehatte.
„Medvedev hatte absolut keine Ressourcen. Alles war um Putin konzentriert.“
Die Umgestaltung der Verfassung, etwa die Verlängerung der Amtszeit des Präsidenten von vier auf sechs Jahre, zeigte, dass Putins Rückkehr von Anfang an geplant war. Auch die Struktur des „Mafia-Staates“ garantierte, dass Putin trotz offiziell abweichender Titel kontinuierlich die Kontrolle behielt.
Für Putin war das „Medvedev-Moment“ also keine echte Machtteilung, sondern eine vorübergehende rechtliche Maskierung seiner Macht.
Sochi, Ukraine und internationale Respektfragen
Mit den Olympischen Spielen 2014 in Sochi wollte Putin ein nationales Großereignis zur Mobilisierung und Demonstration russischer Stärke schaffen. Gleichzeitig häuften sich internationale Kritikpunkte: Viele westliche Führer sagten ihre Teilnahme ab, und die US-Delegation umfasste keine gewählten Politiker. „Es ist eine Demütigung“, so Gessen.
Parallel begann die Annexion der Krim und die Ukraine-Krise. Gessen erklärt, dass Putin keine langfristigen Pläne für die Ukraine hatte, sondern opportunistisch handelte, sobald die Chance sich bot. Das Militär war vorbereitet auf verschiedenste Szenarien – ein „Chekhov’s Gun“-Ansatz –, doch die konkrete Umsetzung war oft spur-of-the-moment.
Gessen analysiert die Popularitätskurve Putins: Wirtschaftliche Schwäche wird durch militärische Mobilisierung und außenpolitische Aktionen kompensiert, wodurch die Bevölkerung weiterhin stark an ihn gebunden bleibt.
Putins Wahrnehmung des Westens und der USA
Putin interpretiert internationale Ereignisse stets durch die Brille der persönlichen Bedrohung. Die Arabische Frühling, die Ukraine-Proteste und US-Aktionen werden als direkte Angriffe auf Russland gesehen. Gessen fasst zusammen:
„Russland sieht sich nicht im Krieg mit der Ukraine, sondern im Krieg mit den USA durch die Ukraine.“
Sanktionen, die auf ökonomischen Druck zielten, verfehlten ihren strategischen Zweck. Vielmehr stärkten sie das Gefühl der Bedrohung und der Mobilisierung im Inneren, während Putins persönliche Macht unbeeinträchtigt blieb. Die Countersanktionen (z. B. Importverbote) verstärkten nationalistische Mobilisierungseffekte.
US-Wahl 2016 und Einflussoperationen
Für Putin war die US-Präsidentschaftswahl 2016 eine Fortsetzung seiner disruptiven Strategien, die er zuvor in Europa getestet hatte. Die Motivation war psychologisch und strategisch: Demokratie wird als ineffizient und „manipulierbar“ gesehen, daher war der Eingriff in Wahlen logisch aus Putins Sicht.
Gessen betont: „Putin sieht Trump als Tollpatsch – jemand, der außer Kontrolle ist.“ Trotz der medialen Darstellung, Putin habe aktiv Trump gewählt, handelte es sich eher um eine opportunistische Reaktion auf externe Entwicklungen, während Hackergruppen oft selbstständig agierten.
Innenpolitische Reaktionen auf Proteste
Nach den großen Protesten 2011–2012 reagierte Putin mit repressiven Gesetzesänderungen, Verfolgung von Demonstranten und gezielter Einschüchterung von NGOs. Dazu gehörten:
Änderungen bei Versammlungsrechten, die willkürliche Festnahmen ermöglichten
Gesetze für „ausländische Agenten“, die NGOs stark einschränkten
Anti-LGBT-Kampagnen, um westlich inspirierte Protestbewegungen zu diskreditieren
Gessen erklärt:
„Queer ist ein perfekter Stellvertreter für alles, was Putin bei den Protestierenden wahrnimmt: fremd, westlich, unerwünscht.“
Putins strategische Logik gegenüber der Welt
Putin verfolgt das Ziel, Russland als Supermacht wiederherzustellen. In Syrien oder der Ukraine geht es ihm weniger um lokale Konflikte, sondern um die Demonstration internationaler Relevanz. Gessen sagt:
„Er war auf dem Höhepunkt, als er Syrien übernahm. Dann wurde er ein internationaler Paria.“
Sein Verhalten ist opportunistisch, psychologisch motiviert und stark auf Mobilisierung im Inland ausgerichtet. Aktionen wie die Ukraine-Krise oder Syrien dienen nicht primär territorialen Interessen, sondern der Stärkung der persönlichen und nationalen Legitimität.
Victoria Nuland, 2017
Victoria Nuland, langjährige US-Diplomatin, ehemalige US-Botschafterin bei der NATO und stellvertretende Außenministerin, beschreibt im Interview mit Frontline-Filmemacher Michael Kirk die jahrzehntelange Vorgeschichte der heutigen Konfrontation zwischen Russland und dem Westen. Ihr zentrales Argument: Der Konflikt ist nicht das Ergebnis eines einzelnen Ereignisses – sondern einer sich verfestigenden Weltsicht Wladimir Putins, die jede Form westlicher Kooperation als Nullsummenspiel interpretiert.
1. Ein fast vergessenes Kapitel: Russland und NATO in den 1990er-Jahren
Nuland beginnt bewusst vor Putin. Sie erinnert daran, dass es in den frühen 1990er-Jahren, während der Präsidentschaft Boris Jelzins, ernsthafte Gespräche über eine mögliche russische Zukunft mit der NATO gab.
„Ein wenig bekannter Teil der Geschichte ist, dass Jelzin 1993 und 1994 tatsächlich Interesse daran hatte, ob Russland eines Tages Mitglied der NATO sein könnte.“
Diese Gespräche fanden im Kontext der ersten NATO-Osterweiterungen nach dem Kalten Krieg statt. Damals herrschte im Westen – so Nuland – die Hoffnung, dass sich Russland demokratisch konsolidieren und Teil einer pan-europäischen Sicherheitsarchitektur werden könnte, basierend auf den Prinzipien der Helsinki-Schlussakte: territoriale Integrität, Souveränität, Menschenrechte.
Doch diese Phase war kurz.
2. Der Bruch unter Jelzin – und die Rückkehr des Nullsummendenkens
Bereits Mitte der 1990er-Jahre änderte sich der Ton in Moskau. Jelzin begann, so Nuland, traditioneller, nationaler und misstrauischer zu argumentieren.
„Irgendwann sagte er: Russland ist zu groß für die NATO. Wir würden euch überschwemmen.“
Mit Putins Aufstieg ab 1998 verfestigte sich diese Haltung endgültig. Putin habe – anders als viele seiner Zeitgenossen – nie den sowjetischen Blick auf die NATO abgelegt:
„Er ist nie über diese sowjetische Sicht hinausgekommen, dass die NATO gegründet wurde, um uns zu bekämpfen.“
Damit war der Grundkonflikt definiert:
Was der Westen als kooperative Sicherheitsordnung verstand, sah Putin als strategische Einkreisung.
3. Zwei gescheiterte Annäherungen: NATO-Russland-Formate
Nuland beschreibt zwei ernsthafte Versuche, Russland institutionell einzubinden:
3.1 Der Ständige Gemeinsame Rat (1997–1998)
Hier trafen sich NATO und Russland in bilateraler Form. Aus russischer Sicht sei jedoch der Eindruck entstanden, nicht gleichberechtigt, sondern als „Gegenseite“ behandelt zu werden.
3.2 Der NATO-Russland-Rat (ab 2002)
Unter Präsident George W. Bush wurde das Format neu aufgesetzt. Russland saß alphabetisch gleichberechtigt mit NATO-Mitgliedern am Tisch.
„Wir haben zugestimmt, die Russen in diesem Kontext wie ein NATO-Mitglied zu behandeln.“
Doch auch dieses Modell scheiterte – nicht an formalen Fragen, sondern an Mentalitäten:
„Nicht nur Putin, sondern die gesamte russische Bürokratie kam nicht über das Gefühl hinweg, dass alles, was für den Westen gut ist, für Russland schlecht sein muss.“
4. NATO-Erweiterung als innenpolitisches Instrument Putins
Ein zentrales Motiv in Nulands Analyse ist die Instrumentalisierung der NATO-Erweiterung für Putins innenpolitische Agenda.
Ab 2004 beginnt Putin systematisch:
unabhängige Fernsehsender zu schließen
kritische Medien unter Druck zu setzen
Oligarchen politisch zu disziplinieren
„2004 beginnt er, den russischen Staat wieder zu re-autokratisieren.“
Die Begründung: Feinde im Ausland. Die NATO-Erweiterung liefert dafür das perfekte Narrativ.
5. München 2007: Die Rede als ideologische Zäsur
Die Münchner Sicherheitskonferenz beschreibt Nuland als das „Super Bowl“-Ereignis der transatlantischen Sicherheitspolitik. 2007 ist sie US-Botschafterin bei der NATO und sitzt im Publikum, als Putin spricht.
Bis dahin gab es – rückblickend naiv – noch Hoffnung auf Kooperation.
Putins Rede zerstörte diese Illusion.
„Es war nicht nur nullsummig – es war eine aggressive Abrechnung mit der gesamten Idee einer demokratischen Staatengemeinschaft.“
Putin propagierte eine multipolare Weltordnung im Sinne des 19. Jahrhunderts: Macht gegen Macht, Einflusszonen, Abschreckung.
Nuland erinnert sich an die Atmosphäre:
„Man konnte förmlich die Feuchtigkeit der Aggression spüren, die aus ihm herausströmte.“
6. Nicht Aufgeben – aber Illusionsverlust
Trotz des Schocks sei klar gewesen: Diplomatie dürfe nicht abbrechen.
„Man gibt niemals auf, eine bessere Beziehung zu 140 Millionen Menschen zu suchen.“
Doch intern habe sich die Einschätzung verfestigt, dass Putins Weltbild zunehmend:
paranoid
abgeschottet
von einem engen Beraterzirkel geprägt
sei.
7. 2011: Proteste, Mittelschicht und Putins Angst vor Kontrolle
Die Proteste 2011 markieren einen Wendepunkt. Russland ist wirtschaftlich gewachsen, eine urbane Mittelschicht entsteht, Menschen reisen, gründen Unternehmen – und wollen politische Mitsprache.
„Traditionell wollen wohlhabendere Gesellschaften mehr politische Wahlmöglichkeiten.“
Putin reagiert mit:
Repression
Neutralisierung politischer Gegner
weiterer Machtkonzentration
Der Fall Chodorkowski wird von Nuland explizit als politisch motiviert beschrieben.
8. Der Clinton-Vorwurf und das Narrativ der Einmischung
Putins Vorwurf, Hillary Clinton habe die Proteste angezettelt, weist Nuland entschieden zurück.
Die USA hätten – wie in vielen Ländern – allen Parteien demokratische Schulungen angeboten, auch Putins eigener Partei.
„United Russia war einer der größten Nutzer dieser Programme.“
Doch Putin habe diese Episoden später zu einem Narrativ der westlichen Verschwörung verwoben.
„Er sammelt kleine Fäden, um daraus eine große Geschichte der Kränkung zu weben.“
9. 2014: Sotschi, Ukraine und die Entscheidung für Gewalt
Nuland beschreibt 2014 als Schlüsseljahr. Die Olympischen Spiele in Sotschi sollten Russland legitimieren – während Putin parallel die Ukraine unter Druck setzt.
Die EU-Assoziierungsabkommen mit Ukraine, Georgien und Moldau seien für Putin existenzielle Bedrohungen gewesen:
„Wenn diese Länder begonnen hätten, wie Deutschland auszusehen, wäre das eine direkte Widerlegung seines Modells gewesen.“
Der Druck auf Janukowytsch, der 3-Milliarden-Dollar-Kredit, Maidan, Flucht – und schließlich die Annexion der Krim.
10. Das Telefonat und der Mythos der US-Regie
Das berühmte abgehörte Telefonat („eff the EU“) schildert Nuland nüchtern als Krisenmanagement unter Zeitdruck.
„Es ging darum, Menschen von der Straße zu bekommen und eine friedliche Lösung zu finden.“
Die Veröffentlichung wertet sie als gezielten russischen Versuch, sie persönlich zu diskreditieren und die USA aus dem diplomatischen Prozess zu drängen.
11. Bewaffnung der Ukraine: Moralisches Dilemma
Besonders eindringlich ist Nulands Beschreibung der internen Debatten über Waffenlieferungen.
Sie selbst plädierte für defensive Systeme wie Javelins.
„Es war sehr schwer, diesen Streit zu verlieren, weil Menschen starben.“
Die Gegenargumente:
Eskalationsdominanz Russlands
Gefahr eines Stellvertreterkriegs
nukleare Risiken
12. Cyberkrieg und Wahlmanipulation
Nuland schildert die russischen Cyberoperationen als Fortsetzung hybrider Kriegsführung, wie sie zuvor in Estland und der Ukraine getestet worden war.
„Für diejenigen von uns, die diesen Film schon gesehen hatten, war das alles sehr vertraut.“
Putins Ziel:
Demokratie diskreditieren
moralische Gleichwertigkeit behaupten
innenpolitische Legitimation sichern
13. Fazit: Was Putin will
Nulands Schluss ist klar und ernüchternd:
„Er braucht es, das demokratische Modell zu diskreditieren – für sein eigenes Volk und für die Welt.“
Putin strebe keine Integration an, sondern eine Rückkehr zur Machtpolitik, in der Demokratie kein Vorbild, sondern ein Feindbild ist.
Schlussbemerkung
Das Interview mit Victoria Nuland zeichnet kein Bild verpasster Gelegenheiten allein, sondern eines grundlegenden ideologischen Bruchs. Kooperation scheiterte nicht an fehlenden Angeboten, sondern an einem Weltbild, das Pluralismus, Wahlfreiheit und gegenseitige Sicherheit als Bedrohung begreift.
Fiona Hill, November 2022
Dieses Interview stammt nicht aus den drei Reihen der PBS Frontline. Aber Fiona Hill gehört unbedingt die Reihe der Russland-Expertinnen. Deshab habe ich das Interview aus dem Podcast von Lex Fridman zugefügt.
Fiona Hill ist Russland-Expertin, Politikwissenschaftlerin und ehemalige leitende Beraterin für Russland und Europa im Nationalen Sicherheitsrat der USA. Sie wuchs in Großbritannien auf, forschte jahrzehntelang zu Russland und Osteuropa und arbeitete sowohl akademisch als auch direkt an der Schnittstelle von Politik und Sicherheitsstrategie. Im Gespräch mit Lex Fridman analysiert sie Wladimir Putin, das politische System Russlands und die Logik hinter Russlands außen- und innenpolitischem Handeln.
Putins Weltbild: Macht, Kontrolle und Dominanz
Fiona Hill beschreibt Wladimir Putin nicht primär als ideologischen Denker, sondern als Machtpolitiker, dessen zentrales Motiv Kontrolle ist. Politik werde von ihm nicht als Aushandlungsprozess verstanden, sondern als Nullsummenspiel, in dem es Sieger und Verlierer gebe. Kooperation habe in diesem Denken nur dann einen Wert, wenn sie der eigenen Dominanz diene.
„Für Putin ist jede Beziehung hierarchisch. Entweder man dominiert – oder man wird dominiert.“
Hill betont, dass Putin häufig als „pragmatisch“ oder „transaktional“ beschrieben werde. Diese Begriffe griffen jedoch zu kurz. Die einzige Transaktion, die Putin akzeptiere, sei jene, bei der seine Überlegenheit anerkannt werde. Kompromiss werde nicht als Gleichgewicht, sondern als Schwäche interpretiert.
Dieses Machtverständnis erkläre, warum Zugeständnisse gegenüber Russland historisch nicht zu Stabilisierung, sondern häufig zu weiteren Forderungen geführt hätten.
Russland und der Westen: Ein dauerhaftes Feindbild
Nach Hills Analyse betrachtet Putin den Westen nicht als Partner mit legitimen Interessen, sondern als strukturellen Gegner. Dieses Misstrauen sei nicht situativ, sondern tief verwurzelt in historischen Erfahrungen, sowjetischen Narrativen und persönlicher Prägung.
Der Westen erscheine in Putins Denken als:
expansiv,
manipulativ,
und auf die Schwächung Russlands ausgerichtet.
Hill betont, dass selbst Phasen scheinbarer Annäherung – etwa in den frühen 2000er-Jahren – aus russischer Perspektive eher taktisch als strategisch gewesen seien.
„Der Westen war für Putin nie neutral. Er war immer eine Bedrohung – manchmal freundlich verpackt, aber nie harmlos.“
Aus dieser Sicht erkläre sich auch, warum NATO-Erweiterung, Demokratieförderung oder wirtschaftliche Integration in Osteuropa nicht als souveräne Entscheidungen dieser Staaten verstanden würden, sondern als gezielte Angriffe auf russische Einflusszonen.
Die Ukraine: Zentrum von Identität und Macht
Einen besonderen Stellenwert misst Hill der Ukraine zu. Sie beschreibt sie als Schlüsselstaat in Putins Denken – nicht nur geopolitisch, sondern historisch und kulturell. Putin stelle die Eigenständigkeit der Ukraine wiederholt infrage und bestreite ihr das Recht auf eine unabhängige nationale Identität.
Hill macht deutlich, dass es Putin nicht allein um Territorium gehe, sondern um die Kontrolle über historische Deutungshoheit. Eine souveräne, demokratisch orientierte Ukraine stelle für ihn eine doppelte Bedrohung dar:
geopolitisch – durch Westbindung,
symbolisch – als Gegenmodell zu Russlands autoritärem System.
„Eine freie Ukraine widerlegt Putins Geschichtserzählung – und damit seine Legitimation.“
Die Annäherung der Ukraine an EU und NATO werde daher nicht als politische Entscheidung eines Nachbarlandes wahrgenommen, sondern als existenzielle Herausforderung für Russlands Selbstverständnis.
Krieg als Fortsetzung eines etablierten Musters
Hill widerspricht der Darstellung, der Angriff auf die Ukraine sei irrational oder überraschend gewesen. Sie ordnet ihn vielmehr als logische Eskalation einer langjährigen Strategie ein, in der militärische Gewalt ein legitimes Mittel politischer Ordnung darstellt.
Der Krieg sei:
nicht spontan,
nicht ausschließlich reaktiv,
sondern Ergebnis eines konsistenten Machtverständnisses.
„Wenn Kontrolle das Ziel ist, wird Gewalt zum Instrument.“
Hill verweist darauf, dass Putin bereits zuvor militärische Mittel eingesetzt habe – in Tschetschenien, Georgien, Syrien –, ohne dass dies zu nachhaltigen Konsequenzen geführt habe. Diese Erfahrungen hätten die Annahme bestärkt, dass Eskalation beherrschbar sei und westliche Reaktionen begrenzt blieben.
Eskalation als Strategie
Ein zentrales Element von Hills Analyse ist Putins bewusster Umgang mit Eskalation. Sie beschreibt ihn als Akteur, der gezielt Risiken eingehe, um Unsicherheit zu erzeugen und Gegner zu lähmen. Eskalation werde nicht vermieden, sondern kalkuliert eingesetzt.
Typisch seien:
Grenzüberschreitungen,
mehrdeutige Signale,
und die gezielte Nutzung von Angst.
„Putin setzt darauf, dass andere mehr Angst vor Eskalation haben als er.“
Auch nukleare Drohungen ordnet Hill in dieses Muster ein. Sie seien weniger Ausdruck konkreter Einsatzabsichten als Teil einer Strategie psychologischer Abschreckung.
Warum Abschreckung nur begrenzt wirkt
Hill äußert sich skeptisch gegenüber der Vorstellung, klassische Abschreckungslogik reiche aus, um Putins Verhalten zu steuern. Zwar erkenne Putin Stärke an, doch lebe sein System von der permanenten Annahme äußerer Bedrohung.
Jede Maßnahme könne daher doppelt gelesen werden:
als defensive Notwendigkeit,
oder als Bestätigung seiner Bedrohungsnarrative.
„Das Problem ist: Jede Handlung bestätigt, was er ohnehin glaubt.“
Gleichzeitig warnt Hill davor, Schwäche zu signalisieren. Das Dilemma bestehe darin, zwischen Abschreckung und Eskalationsvermeidung zu navigieren, ohne Putins Logik weiter zu legitimieren.
Russland als System: Personalisierte Macht
Hill betont, dass Russland nicht vollständig mit Putin gleichzusetzen sei – aber dass das heutige politische System ohne ihn kaum denkbar sei. Über Jahrzehnte habe er Institutionen gezielt geschwächt und Macht auf seine Person konzentriert.
Kennzeichen dieses Systems seien:
fehlende Nachfolgeregelungen,
geringe institutionelle Autonomie,
und starke Abhängigkeit von persönlichen Loyalitäten.
„Putin hat ein System geschaffen, das ohne ihn kaum funktionieren kann – und genau das macht es so fragil.“
Diese Struktur sichere kurzfristig Stabilität, erhöhe aber langfristig das Risiko von Machtkämpfen und Instabilität.
Eliten: Loyalität als Überlebensstrategie
Hill beschreibt die russischen Eliten als Netzwerk gegenseitiger Abhängigkeiten. Politischer und wirtschaftlicher Erfolg beruhe weniger auf Kompetenz als auf Nähe zur Macht. Loyalität werde belohnt, Abweichung sanktioniert.
Viele Eliten unterstützten das System nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen.
„Anpassung ist in diesem System keine Überzeugung, sondern Selbstschutz.“
Offener Widerstand sei selten, da Repression, soziale Kontrolle und Unsicherheit wirksam seien.
Gesellschaft, Propaganda und Akzeptanz
In Bezug auf die russische Gesellschaft zeichnet Hill ein differenziertes Bild. Unterstützung für das Regime sei weder vollständig erzwungen noch vollständig freiwillig. Vielmehr existiere eine Mischung aus:
staatlicher Propaganda,
Angst,
Resignation,
und pragmatischer Anpassung.
„Der Staat muss nicht alle überzeugen – es reicht, genug Zweifel zu säen.“
Der Krieg werde zunehmend als existenzieller Abwehrkampf dargestellt, wodurch Kritik als illoyal oder gefährlich markiert werde.
Wandel und die Zeit nach Putin
Hill äußert sich zurückhaltend gegenüber Erwartungen eines schnellen Umbruchs. Autoritäre Systeme könnten lange stabil bleiben, selbst unter erheblichem Druck. Ein Ende Putins bedeute nicht automatisch einen politischen Neuanfang.
„Das Ende einer Person bedeutet nicht das Ende eines Systems.“
Ein Machtvakuum könne zu Fragmentierung, inneren Konflikten oder weiterer Instabilität führen. Nachhaltiger Wandel setze institutionellen Wiederaufbau voraus – ein Prozess, der Jahre oder Jahrzehnte dauern könne.
Schlussbild: Kontinuität statt Ausnahme
Fiona Hill zeichnet kein Bild eines irrationalen Ausnahmezustands, sondern eines Systems, das konsequent seiner eigenen Logik folgt. Putins Russland erscheine nicht als historischer Unfall, sondern als Ergebnis langfristiger Entwicklungen, historischer Narrative und bewusster Machtpolitik.
Der Krieg, die Eskalation und die Konfrontation mit dem Westen seien keine Abweichungen, sondern Ausdruck eines stabilen, wenn auch gefährlichen Musters.
Das Interview
[Anmerkung: ich habe nur die Teile des Interviews zusammengefasst, die Putin betreffen. Das Interview ist aber insgesamt sehr interessant, insbesondere der Anfangsteil, in dem sie über ihre eigene Biographie spricht. Sie ist in Großbritannien, in einem der Kohleabbaugebiete geboren. Über ein Stipendium der dortigen Gewerkschaft hat sie einen Studienaufenhalt in den Kohleabbaugebieten der Ukraine gemacht. Heute ist sie Amerikanerin. Sie hat verschiedene Präsidenten in Sicherheitsfragen in Bezug auf Russland und Europa beraten. Unbedingt hörenswert.]
Yevgenia Albats, 2023
Das Interview beleuchtet die Denkweise Wladimir Putins über die Vereinigten Staaten, den Westen und die Ukraine, wie sie sich über Jahrzehnte entwickelt hat. Putin wird als ein KGB-erfahrener Politiker dargestellt, dessen Sicht auf die Welt von Misstrauen, historischer Erinnerung und einem kompromisslosen Sicherheitsdenken geprägt ist.
Feindschaft gegen die USA als konstante Konstante
Putins Februar-Rede 2022, die den Angriff auf die Ukraine einleitete, offenbart, dass er die Vereinigten Staaten als seinen persönlichen Hauptfeind sieht. Der Interviewte beschreibt dies folgendermaßen:
„Es ist geschrieben in der russischen nationalen Sicherheitsdoktrin: All unsere Nukes sind zuerst und vor allem auf die Vereinigten Staaten ausgerichtet.“
Auch wenn Russland zwischenzeitlich unter Jelzin dem Westen gegenüber offener war, änderte sich die Haltung wieder mit der Rückkehr ehemaliger KGB-Eliten in Machtpositionen. Putin interpretiert die westliche Politik durchgehend als Bedrohung für Russland:
„Für ihn, für Putin, bleibt der Westen der Feind.“
Putins frühe Erfahrungen als KGB-Agent
Putins Ausbildung beim KGB prägt seine Wahrnehmung des Westens tief. Er habe nie gelernt, seine wahren Gedanken oder Absichten gegenüber westlichen Institutionen offen zu legen:
„Sein ganzes Training, seine Bildung, seine Lebenserfahrung erlaubten es ihm nicht, irgendein inneres Selbst zu zeigen.“
Die Erfahrung, in der DDR tätig zu sein, verstärkte seine Skepsis: Er habe dort nicht die westliche Kultur kennengelernt, sondern westliche Bedrohungen beobachtet. Jede Form von westlicher Ideologie oder Einflussnahme wird als Angriff auf Russland verstanden.
Die Wahrnehmung des Westens als existenzielle Bedrohung
Putin sieht den Konflikt mit dem Westen nicht als diplomatische Herausforderung, sondern als existenziellen Kampf:
„Ihr Verständnis der Welt ist, dass es einen existenziellen Krieg zwischen Russland, dem russischen Reich, und dem Westen gibt; der Westen würde moralisch, wenn nicht physisch, Russland unterwerfen wollen.“
Seine engsten Vertrauten, etwa Nikolai Patruschew, glauben sogar, die USA hätten strategisches Interesse an russischen Ressourcen. Putins Denken ist dabei stark historisch geprägt und orientiert sich an der russischen Imperiumstradition, in der westliche Einflüsse immer als Bedrohung wahrgenommen wurden.
Ukraine: Vom „kleinen Bruder“ zur Bedrohung
Die Ereignisse in der Ukraine, insbesondere die Maidan-Revolution 2014, interpretiert Putin als direkte Bedrohung für seine Herrschaft. Für ihn handelt es sich nicht um eine demokratische Bewegung der Ukrainer, sondern um westliche Manipulation:
„Für ihn, es waren die Vereinigten Staaten, die hinter den Hunderttausenden von Menschen standen…“
Ukraine stellt ein ideologisches und politisches Problem dar: Ein demokratisches, erfolgreiches Nachbarland könnte den Russen als Beispiel dienen und das Bild der Unfehlbarkeit Putins untergraben. Die historische Sichtweise Putins auf die Ukraine als „Malorossiya“ – kleines Russland – zeigt seinen autoritären Anspruch, ukrainische Souveränität zu ignorieren.
Putin und die westliche Politik: Fehlende Reaktion auf Warnungen
Der Interviewte kritisiert die USA und den Westen dafür, dass sie Putins klare Signale seit Jahren ignorierten. Putin habe die Grenzen des Westens genau kalkuliert und gewusst, dass Drohungen ohne harte Konsequenzen wirkungslos bleiben:
„Er wusste, dass es keine Konsequenzen geben wird. Sie haben nur geredet.“
Beispiele sind die US-Reaktion auf den Georgienkrieg 2008, die „Reset“-Politik unter Obama und die unzureichenden Sanktionen vor der Ukraine-Invasion. Dies bestärkte Putin in der Annahme, dass westliche Staaten weder handlungsfähig noch entschlossen seien.
Die Rolle amerikanischer Präsidenten
Putin habe die westlichen Führer stets nach Persönlichkeiten und symbolischen Handlungen beurteilt, nicht nach politischen Prinzipien. George W. Bush glaubte an „die Seele des KGB-Mannes“, was Putin als Naivität interpretiert hat. Obama wurde von Putin und seinem Umfeld nicht ernst genommen, teilweise aufgrund von rassistischen Vorurteilen.
Trump dagegen entsprach in Putins Augen dem Bild eines „reichen, weißen Mannes“, der die westliche Ordnung spaltete und damit Putins Interessen unbeabsichtigt unterstützte.
„Als Trump sagte, dass die NATO obsolet ist, war das Honig für Putin.“
Die Clinton-Familie wurde persönlich als Feinde wahrgenommen, weil Hillary Clinton Putins Gefährlichkeit erkannt hatte und die Demokratiebewegung in Russland unterstützte.
Putins Strategie gegenüber der Ukraine
Putin betrachtet die Ukraine nicht als souveräne Nation, sondern als Teil seiner historischen Einflusszone. Das Land wurde für ihn zu einem strategischen und ideologischen Kampfplatz, um westliche Einflussnahme zurückzuweisen und ein demokratisches Beispiel zu verhindern.
Sein Vorgehen gegen Ukraine sei systematisch: Kontrolle, Unterwerfung und Zerstörung demokratischer Institutionen. Jede demokratische Entwicklung in der Ukraine wird als Bedrohung für die russische Stabilität und für seine eigene Macht gesehen.
Innenpolitische Dimensionen: Opposition und Kontrolle
Intern betrachtet Putin jede Opposition als von außen gesteuert:
„Für ihn, diese Proteste in Russland, das konnten die Russen selbst nicht sein. Das waren natürlich die Amerikaner.“
Die russische Gesellschaft wird in Putins Denken als formbar und kontrollierbar angesehen. Jede freie Meinungsäußerung oder demokratische Bewegung wird als Bedrohung der persönlichen Machtstruktur interpretiert. Dies erklärt seine rigorosen Maßnahmen gegen Universitäten, Meinungsumfragen und politische Aktivisten.
Bedrohungslage und Eskalationspotenzial
Putin hat die militärische Macht Russlands und die strategische Schwäche des Westens für eigene Zwecke genutzt. Die Ukraine-Invasion sei das Resultat jahrelanger Planung und der Wahrnehmung, dass der Westen nicht entschlossen handeln würde.
Obwohl Putin die nukleare Option rhetorisch in Stellung bringt, glaubt der Interviewte nicht, dass er ein nukleares Risiko bewusst einsetzen würde:
„Ich bezweifle, dass diese Regierung von Millionären und Milliardären bereit ist, ihr Vermögen in nuklearen Müll zu verwandeln.“
Die Gefahr liegt jedoch in der Zerstörung der Ukraine und der Expansion der Konflikte auf andere Teile Europas, ähnlich den historischen Fehlentscheidungen vor dem Zweiten Weltkrieg.
Historische Parallelen und Warnungen
Der Interviewte zieht deutliche Parallelen zwischen Putins Vorgehensweise und der Appeasement-Politik gegenüber Hitler:
„Wenn die Vereinigten Staaten erneut die Politik verfolgen, den Tiger im Käfig zu streicheln, werden wir leider eine Wiederholung der Geschichte sehen.“
Putins Handeln folgt einem präventiv-imperialen Denken, das historische Erfahrungen mit westlicher Einmischung, die Rolle des KGB und die Wahrung des russischen Reichs verbindet. Jede westliche Schwäche wird als Chance interpretiert.
Fazit: Ein klares Bild eines KGB-getränkten Machtmenschen
Das Interview zeichnet ein Bild von Putin als einem Mann, dessen Weltbild durch Misstrauen, historische Erfahrungen und KGB-Prinzipien geprägt ist. Der Westen wird als existentiale Bedrohung betrachtet, demokratische Bewegungen als Angriffe auf seine Macht und historische Imperiumsdenken leitet jede Entscheidung.
Putin handelt langfristig, rational aus seiner Perspektive, aber destruktiv für andere Staaten: Sein Handeln sei vorhersehbar, aber vom Westen lange ignoriert. Die Ukraine wird zu einem Prüfstein für die Reaktionen der internationalen Gemeinschaft, während Putin seine autoritäre Kontrolle weiter konsolidiert.
Marie Yovanovitch, 2023
Im Gespräch mit der ehemaligen US-Botschafterin in der Ukraine, Marie Yovanovitch, wird deutlich, wie komplex die internationale Lage rund um die Ukraine, Russland und die Vereinigten Staaten ist. Ihre Perspektive beleuchtet die Rolle von Biden, Obama, Trump und Putin, die Herausforderungen der Abschreckung und die existenzielle Dimension des Konflikts.
Ein gefährlicher Moment vor der Invasion
Ende 2021 wurde Präsident Joe Biden darüber informiert, dass Russland eine ernsthafte Invasion der Ukraine plante. Für Yovanovitch war klar, dass die Stakes extrem hoch waren:
„Wenn Russland damit durchkommt, wenn Russland die Ukraine überrennt und übernimmt, dann betrifft das die gesamte internationale Ordnung, unter der wir seit dem Zweiten Weltkrieg gelebt haben.“
Die Biden-Administration reagierte, indem sie Allianzen und Partner zusammenführte, Pläne für Sanktionen entwickelte und militärische Unterstützung vorbereitete. Yovanovitch betont:
„Die Warnungen waren sehr explizit. Ja. Und ich hätte das erwähnen sollen. Die Veröffentlichung von Geheimdienstinformationen war erstaunlich.“
Trotz der Vorbereitungen war Putin nicht abzuschrecken, und die diplomatischen Bemühungen stießen an Grenzen.
Putins Kalkül: Fehleinschätzungen und Selbstüberschätzung
Putins Fehleinschätzungen waren zentral für den Verlauf der Ereignisse. Yovanovitch beschreibt:
„Er hatte einen großen, mächtigen Militärapparat, der in wenigen Tagen Kiew einnehmen könnte. Dass die Ukraine kämpfen würde, hielt er für unwahrscheinlich.“
Diese Annahmen erwiesen sich als grundlegend falsch. Die Ukraine leistete erheblichen Widerstand, und der Konflikt entwickelte sich zu einem Krieg, der die internationale Ordnung herausfordert.
Historischer Hintergrund: Putins Verhältnis zum Westen
Putins Weltbild ist stark geprägt von der Wahrnehmung des Westens als aggressiv und dem Zusammenbruch der Sowjetunion als „größte Tragödie des 20. Jahrhunderts“. Yovanovitch erläutert:
„Sie können sich nur vorstellen, wie es als junger KGB-Offizier in Ostdeutschland gewesen sein muss, als Ihr Land verschwindet.“
Diese Erfahrungen formten Putins Vision eines wiedererstarkten Russlands und seinen Anspruch auf Einfluss im sogenannten „nahen Ausland“.
Die frühen Jahre von Putin: Macht und wirtschaftlicher Vorteil
Nach dem Ende der Sowjetunion stieg Putin zunächst lokal in St. Petersburg auf und konnte politische und wirtschaftliche Vorteile nutzen. Yovanovitch beschreibt die damalige Ungleichheit und Härte der Umbruchjahre:
„Die starken und skrupellosen Profitierten, während die kleinen Babuschki oft auf der Straße standen.“
Diese Erfahrungen prägten das politische System unter Putin, in dem Sicherheitsapparate und wirtschaftliche Kontrolle eng miteinander verbunden wurden.
US-Russland-Beziehungen in den 1990er-Jahren: Chancen und Fehleinschätzungen
In den 1990er-Jahren versuchten die USA, Russland in die internationale Gemeinschaft zu integrieren, unter anderem durch die G8-Mitgliedschaft. Yovanovitch erklärt, dass Putin diese Bemühungen als Demütigung empfand:
„Er sah die Beziehung zu den USA als Junior-Partner-Verhältnis, während wir versuchten, Russland in die internationale Ordnung einzubinden.“
Die Hoffnungen auf Partnerschaft mit dem Westen blieben begrenzt, als Putin die Macht konsolidierte und die Oligarchen sowie die Medien unter Kontrolle brachte.
Georgien, Farbige Revolutionen und Putins Reaktion
Die Farbigen Revolutionen in Georgien, Kirgisistan und der Ukraine wurden von Putin als Bedrohung für seine Einflusszone gesehen. Yovanovitch betont:
„Er glaubt, dass der Westen diese Länder antreibt, während sie in Wirklichkeit aus der Bevölkerung heraus entstanden.“
Diese Ereignisse stärkten Putins Überzeugung, dass er seine Macht gegen westliche Einflüsse behaupten müsse.
Putins Rhetorik: „Empire of Lies“
Schon vor der großen Invasion 2022 nutzte Putin die Rhetorik, um den Westen zu delegitimieren:
„Wir verloren das Vertrauen für einen Moment, und das reichte, um das Kräfteverhältnis in der Welt zu stören.“
Yovanovitch merkt an, dass Putin die westlichen Warnungen oft selbst nicht ernst nahm, weil sie in seine Vorstellung passten, dass die Ukraine ein Puppet State der USA sei.
Ukraine 2014–2016: Crimea, Donbas und Javelins
Mit der Annexion der Krim 2014 und dem Krieg in Donbas begann eine neue Phase der Destabilisierung. Die USA diskutierten lange über die Lieferung von Javelin-Raketen, die symbolisch und militärisch eine große Rolle spielten.
„Zu der Zeit hatten Javelins einen symbolischen Wert weit über ihre militärische Nutzung hinaus. Sie signalisierten: ‘Hat die USA wirklich die Ukraine im Rücken?’“
Trump-Jahre: Unsicherheit und diplomatische Risiken
Die Wahl Donald Trumps brachte Unsicherheit in die US-Politik gegenüber der Ukraine. Trump kritisierte NATO und äußerte Zweifel an der Unterstützung für die Ukraine, was Nervosität bei ukrainischen und amerikanischen Diplomaten auslöste.
„Es machte die Ukrainer ständig nervös. Es machte die Fachleute im Außenministerium besorgt, ob sich die Politik irgendwann ändern würde.“
Putin beobachtete dies aufmerksam, während er die Brücke über die Krim-Kerch-Straße fertigstellte und die Seestreitkräfte aufrüstete.
Biden-Jahre: Koordination, Abschreckung und Unterstützung
Unter Biden wurde die Ukraine-Politik aktiviert und koordiniert. Yovanovitch beschreibt Biden als punktuellen Experten für die Ukraine, der enge Kontakte zu Poroschenko pflegte:
„Er war sehr, sehr involviert. Er war derjenige, der die Ukraine-Datei leitete und alles koordinierte: wirtschaftliche Hilfe, Energie, Sicherheit.“
Die Abschreckung Russlands durch Allianzen, Sanktionen und militärische Hilfe war ein zentraler Bestandteil der Strategie, die Putins Aggression nicht vollständig verhindern, aber abschwächen sollte.
Der aktuelle Krieg: Risiken und strategische Überlegungen
Der russische Angriff auf die Ukraine hat globale Folgen. Yovanovitch erklärt:
„Es ist ein sehr gefährlicher Moment für die Ukraine, für Russland, aber auch für andere Länder, weil schwer abzusehen ist, wie es weitergeht.“
Putin hat atomare Drohungen ausgesprochen, während die Ukraine kämpft, um ihre Existenz, Demokratie und Freiheit zu verteidigen.
Lektionen der US-Außenpolitik
Yovanovitch betont die Komplexität der Diplomatie, die Hoffnung auf Kooperation und die Notwendigkeit, Entscheidungen im Kontext zu verstehen:
„Außenpolitik ist ein hoffnungsvoller Beruf. Man muss weiter hoffen und konstruktiv arbeiten, um diese Hoffnungen zu realisieren.“
Die US-Politik muss vorsichtig, aber entschieden sein, um Putin zu signalisieren, dass Aggression nicht belohnt wird, und gleichzeitig die Sicherheit der Ukraine gewährleisten.
Fazit: Die Bedeutung von Standhaftigkeit und internationaler Kooperation
Yovanovitch schließt mit einem Rückblick auf die Kalte-Kriegs-Zeiten und betont, dass Standhaftigkeit und Bündnisse entscheidend sind:
„Wir müssen zusammenstehen, sowohl öffentlich als auch privat, und klar machen: Das ist keine Option für Russland. Wir unterstützen die Ukraine.“
Das Interview macht deutlich, wie historische Erfahrungen, politische Kalküle und diplomatische Strategien zusammenwirken, um die heutige geopolitische Lage zu verstehen. Die Ukraine-Krise ist ein Testfall für internationale Ordnung, Abschreckung und die Rolle der USA in der Weltpolitik.
Kori Schake
Die Sicherheits- und Außenpolitik Russlands unter Wladimir Putin ist ein komplexes Zusammenspiel aus Macht, Paranoia und strategischer Kalkulation. In einem ausführlichen Gespräch mit der Expertin Kori Schake wird deutlich, wie Putins Persönlichkeit, seine Vergangenheit und seine Wahrnehmung des Westens die Ukraine-Krise geprägt haben.
Das National-Sicherheits-Rat-Treffen: Putins Kontrolle und Inszenierung
Ein besonders aufschlussreicher Moment war ein National-Sicherheits-Rat-Treffen, das Putin mit seinen höchsten Beratern abhielt, kurz vor dem Angriff auf die Ukraine. Schake erinnert sich:
„Ich änderte meine Sicht von einem scharfsinnigen Putin zu einem, der tatsächlich unberechenbar ist.“
Die Anordnung der Teilnehmer – Putins physische Distanz zu seinem Team, die Inszenierung einzelner Berater – diente weniger dem Austausch als der Schaffung einer kollektiven Schuld. Die Szene war offenbar voraufgezeichnet, und als ein Berater Zweifel äußerte, erniedrigte Putin ihn öffentlich. Dieses orchestrierte Verhalten offenbarte: Putin war entschlossen, die Ukraine anzugreifen, und wollte seine Entscheidung als unumstößlich darstellen.
Informationskontrolle und autoritäre Dynamik
Schake betont, dass autoritäre Herrscher oft keine ehrlichen Informationen erhalten, weil ihre Berater Angst vor Repressalien haben.
„Menschen fühlen sich nicht frei, Putin die Wahrheit zu sagen, aus Angst vor seiner Gewalt.“
Das erklärt, warum Russlands Krieg gegen die Ukraine stark personalisiert ist: Es ist Putins Krieg, nicht der Wille der Bevölkerung oder des Militärs. Viele Soldaten waren überrascht, als sie in den Krieg geschickt wurden, und auch Zivilisten hatten kaum realistische Informationen.
Putins Propaganda und die Kontrolle der Medien
Seit Kriegsbeginn hat Putin alle unabhängigen Medien in Russland geschlossen, nicht nur ausländische Sender wie BBC oder Voice of America, sondern auch russische Sender. Schake kommentiert:
„Er glaubt offenbar nicht, dass er die öffentliche Meinung vollständig kontrolliert.“
Dies zeigt, dass die Unterstützung der russischen Bevölkerung nicht selbstverständlich ist und dass Proteste trotz massiver Repressionen weiterhin stattfinden. Über 7.000 Russen wurden bereits festgenommen, doch Demonstrationen in Städten wie St. Petersburg dauern an, was die Erosion der öffentlichen Unterstützung für Putin verdeutlicht.
Die Vergangenheit als Schlüssel zum Verständnis
Um Putins Handeln zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf seine biografische Entwicklung. Schon 2007 auf der Münchener Sicherheitskonferenz bezeichnete er den Zusammenbruch der Sowjetunion als „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“.
Diese Sichtweise prägt Putins Politik: die Nostalgie für ein Russocentric Imperium und der Wunsch, Russland als Machtzentrum wiederherzustellen.
Ukraine 2015–2016: Paranoia, Panama Papers und Einflussnahme
Nach der Annexion der Krim und der Destabilisierung von Donbas sah Putin die westlichen Demokratien zunehmend als Bedrohung. Schake beschreibt:
„Er beginnt, die USA und insbesondere Hillary Clinton verantwortlich zu machen für die Revolution in der Ukraine.“
Gleichzeitig enthüllten die Panama Papers die Korruption Putins und seiner Oligarchen, was sein Bild als großer Führer gefährdete. Autoritäre Herrscher verstehen selten freie Gesellschaften: Offenheit wird als Angriff wahrgenommen, und Medienberichte über Korruption dienen Putin als Rechtfertigung, gegen die Demokratie zu kämpfen.
Manipulation westlicher Demokratien
Putins Strategie im Westen zielte nicht darauf ab, Menschen von bestimmten Thesen zu überzeugen, sondern die Vertrauensgrundlage demokratischer Institutionen zu untergraben. Schake erklärt:
„Desinformation versucht nicht, das Publikum zu überzeugen; sie versucht nur, die Wahrnehmung zu verwirren.“
Damit entsteht der Eindruck, dass Wahlen und Institutionen nicht vertrauenswürdig sind, selbst in freien Gesellschaften, und dass autoritäre Systeme stabiler erscheinen.
Trump und Putin: Beobachtung und Opportunismus
Die Beziehung zwischen Trump und Putin war ein weiterer Prüfstein. Schake analysiert:
„Putin, ein Intelligenzagent im Kern, musste den neuen US-Präsidenten ausmessen. Trumps Leichtsinn erschien ihm vielversprechend.“
Trumps Kritik an NATO, seine Bewunderung Putins und die Herabsetzung westlicher Verbündeter wirkten wie ein Geschenk für Russland: Die westliche Allianz wurde ohne direkten Druck von außen geschwächt, während Putin die Situation ausnutzte.
Innenpolitik: Repression und Einschränkung der Zivilgesellschaft
Von 2018 bis zur Invasion 2022 baute Putin innenpolitisch ein System repressiver Kontrolle auf:
„Er stranguliert langsam die freie Meinungsäußerung und die Fähigkeit der Russen, Informationen zu teilen.“
Politische Gegner wurden systematisch verfolgt oder ermordet, die Opposition geschwächt, und Zensur ausgeweitet. Trotz internationaler Aufmerksamkeit konnten diese Maßnahmen Putin kaum stoppen, da er entweder nicht abschreckbar ist oder die Gegenmaßnahmen unzureichend waren.
Außenpolitik: Syrien und Risikoabwägung
Auch international zeigte Putin wachsende Risikobereitschaft. Eingriffe in Syrien und die Nähe zu Konflikten mit US-Streitkräften demonstrieren, dass Russland bereit ist, Grenzen zu testen, während die USA in der Vergangenheit zurückgewichen sind.
„Die Einsatzfähigkeit des russischen Militärs wird getestet, und Putin positioniert Russland als Machtfaktor im Mittleren Osten.“
Diese Eskalation ist ein Signal: Putin prüft, wie weit er gehen kann, ohne ernsthafte Gegenreaktionen aus dem Westen zu provozieren.
Wahrnehmung der USA: Jan. 6, Afghanistan und demokratische Schwäche
Internationale Ereignisse, wie der Sturm auf das Kapitol oder der Abzug aus Afghanistan, wurden in Russland als Schwäche der Demokratie interpretiert. Schake:
„Amerikas Gegner zeigen, dass nur ein repressives System stabil sein kann.“
Für Putin dienten diese Ereignisse als Legitimationsinstrument, um Repression zu rechtfertigen und Demokratie als ineffizient darzustellen.
COVID, Isolation und steigende Paranoia
Während der Pandemie zeigt sich Putin zunehmend paranoid: Treffen per Videokonferenz, physische Distanz zu Beratern, Misstrauen selbst innerhalb seines inneren Kreises.
„Putin ist klar ängstlich, und die Distanz zu seinen Beratern spricht Bände über Vertrauen und Kontrolle.“
Diese Isolation verstärkte die Abkopplung von realen Informationen und die Verzerrung von Entscheidungsprozessen.
Eskalation und Fehlkalkulation: Die Ukraine-Invasion
Putins Entscheidung zur Invasion der Ukraine war längst geplant, aber durch schlechte Informationslage und überschätzte militärische Fähigkeiten geprägt. Schake warnt:
„Dies war eine Fehlkalkulation von napoleonischer Dimension.“
Putin unterschätzte die Bereitschaft der Ukrainer, für ihre Freiheit zu kämpfen, sowie die Solidarität freier Gesellschaften. Der Angriff ist ein enormes persönliches und geopolitisches Risiko, das Russland wirtschaftlich und international isoliert.
Atomare Drohungen und globale Risiken
Schake beschreibt die aktuelle Situation als extrem gefährlich:
„Putin ist bereit, das russische Volk zu gefährden und die Welt zu destabilisieren, um seine Ziele zu erreichen.“
Die Androhung nuklearer Aktionen und der gestiegene Alert-Level der russischen Streitkräfte sind destabilisierende Faktoren, während der Westen weiterhin die Ukraine unterstützt.
Fazit: Ein autoritärer Führer zwischen Paranoia und Opportunismus
Die Analyse zeigt, dass Putin zunehmend irrational, paranoid und unberechenbar agiert. Schakes Beobachtungen verdeutlichen:
Putins Entscheidungen sind stark personalisierte Machtaktionen
Informationskontrolle und Repression verhindern realistische Einschätzungen
Außenpolitische Risiken werden bewusst getestet, um Grenzen auszuloten
Die Ukraine-Krise ist sowohl ein geplanter strategischer Schachzug als auch ein Risiko von globalem Ausmaß
Dieses Porträt offenbart, dass Putins Macht, Paranoia und strategische Berechnung eng miteinander verwoben sind, und dass sein Handeln eine existenzielle Bedrohung für Stabilität und Demokratie darstellt.
Susan Glasser, 2023
In einem Interview für die PBS-Dokumentation “Putin’s Road to War” erläutert Susan Glasser, Kolumnistin bei The New Yorker und Autorin von Kremlin Rising, wie militärische Macht den Kern von Wladimir Putins politischem Aufstieg bildet und wie dieser Weg letztlich in den Krieg gegen die Ukraine führte.
1. Der National Security Council-Clip: Putins Isolation und Machtdemonstration
Glasser beschreibt eine Schlüsselszene, die kurz vor Beginn des Krieges gefilmt wurde – ein Treffen des russischen Sicherheitsrats:
„Eines der Dinge, die uns aufgefallen sind, ist dieses National Security Council-Meeting, das [Putin] direkt vor dem Krieg abhält. … Er geht hinein, und es war der Moment, in dem der Schleier gelüftet wurde.“
Sie betont, dass bis zu diesem Zeitpunkt viele die Bedrohung durch die 190.000 Soldaten an der ukrainischen Grenze kannten, aber nicht wussten, wie Putin selbst handeln würde.
Das Treffen offenbarte Putins extreme Isolation: Er sitzt allein, seine Berater sind weit entfernt, in unbequemen Stühlen, sichtbar unwohl – ein Symbol für die absolute Kontrolle, die er ausübt. Laut Glasser war dies „eine nackte Demonstration von roher Macht“ und eine inszenierte Show, um zu zeigen, wer das Sagen hat.
1.1 Physische und psychologische Inszenierung
Putins physische Distanz zu seinen Untergebenen sei bewusst inszeniert – nicht wegen COVID, sondern als Symbol seiner Alleinherrschaft. Besonders auffällig sei der Umgang mit Sergei Naryshkin, dem Leiter des Auslandsgeheimdienstes:
„Er beruft ihn zur Rede, wiederholt, ‘Speak clearly, Govori pryama’, weil er wollte, dass alle Berater die Anerkennung der ‘falschen’ Staaten im Osten der Ukraine ausdrücklich unterstützen.“
Die Szene, die als vorbereiteter Film veröffentlicht wurde, wirkte wie ein Theaterstück im Stalin-Stil, das die bevorstehende Aggression Russlands ankündigte.
2. Putins Plan: Eine persönliche und isolierte Entscheidung
Glasser unterstreicht, dass der Krieg in der Ukraine Putins persönlicher Krieg ist, nicht der des russischen Volkes:
„Das ist wirklich Wladimir Putins Krieg. … Ein künstlich geschaffener Krisenmoment, der seit Jahren vorbereitet wurde.“
Sie erklärt, dass Putin nicht darauf abzielte, die russische Bevölkerung vorzubereiten. Propaganda über angebliche Nazis in der Ukraine diente der Rechtfertigung, aber die Überraschung war groß, als die Invasion begann.
2.1 Der „Blitzkrieg“-Plan
Putin plante offenbar einen schnellen Angriff, um die ukrainische Führung zu stürzen und möglicherweise eine Marionettenregierung zu installieren. Die militärischen Aktionen spiegelten diese Absicht wider – nicht die erwartete langwierige Zerstörung, die sich dann jedoch entwickelte.
3. Historischer Hintergrund: Putins Leben und Aufstieg
Glasser betont, dass Putins biografische Entwicklung entscheidend ist, um seine Entscheidungen zu verstehen:
Er stieg während des Krieg in Tschetschenien auf und nutzte Militärgewalt, um innenpolitische Stabilität zu sichern.
Anschließend zeigte er Bereitschaft zur Intervention in Georgien (2008), der Ukraine (2014) und Syrien, wobei der Einsatz von Gewalt ein wiederkehrendes Instrument blieb.
„Ein entscheidender Punkt ist, dass für ihn militärische Gewalt jeden Schritt seiner Reise begleitet hat, um Russlands längstdienenden Führer seit Josef Stalin zu werden.“
4. Putins Weltsicht nach 2014: Aggrieved, nicht nur emboldened
Nach der Annexion der Krim fühlte sich Putin gekränkt, nicht nur gestärkt:
Sanktionen des Westens führten zu Racheplänen, die sich u. a. in der Einmischung in die US-Präsidentschaftswahlen 2016 äußerten.
Glasser beschreibt dies als Reaktion auf wahrgenommene westliche Aggressionen, nicht als generelle Aggression gegenüber der Ukraine allein.
4.1 Zyklus der Eskalation
Putin nutzte westliche Reaktionen, um weitere Aggression zu rechtfertigen:
„Wenn man die Berichte über die US-Wahlen und die Sanktionen liest, sieht man klar, dass 2014 der Startpunkt für Putins Reaktion auf die Vereinigten Staaten war.“
Die US-Administration unter Obama reagierte vorsichtig, aus Angst vor Eskalation – was Putin als Schwäche interpretierte.
5. Trump, Putin und die Ukraine
Glasser erläutert, wie Donald Trumps Verhalten und Einstellung zu Putin die russische Außenpolitik beeinflussten:
Trump akzeptierte Putins Version der Ereignisse über eigene Geheimdienste
„Vladimir Putin tells me he didn’t do it. … And you know, maybe he’s right.“
Trump übernahm Putins Sicht auf die Ukraine und glaubte, dass sie Russland und ihm gegenüber feindlich sei.
Putin beobachtete die innere Spaltung der USA und erkannte, dass die Republikaner zunehmend pro-russisch eingestellt waren.
Dies führte zu einer strategischen Einschätzung Putins, dass die USA geschwächt und gespalten seien, was den Krieg in der Ukraine erleichterte.
6. Innenpolitische Repression in Russland
Parallel zu seiner Außenpolitik verschärfte Putin die Kontrolle innerhalb Russlands:
Unterdrückung von Protesten
Inhaftierung von Oppositionellen
Abschaffung unabhängiger Medien
Zerschlagung von Memorial, einer führenden Menschenrechtsorganisation
„Diese Maßnahmen sind symbolisch und zeigen, dass eine neue Ära begonnen hat: Wir akzeptieren den Frieden des Kalten Krieges nicht mehr.“
Die Verknüpfung von äußerer Aggression und innerer Repression ist ein zentraler Aspekt seiner Strategie.
7. Putins Risikobereitschaft im internationalen Kontext
Glasser weist darauf hin, dass Putins riskantes Verhalten nichts Neues ist:
Vergiftungen in Großbritannien
Militärische Interventionen in Syrien
Einsatz von Spionen zur politischen Einflussnahme
Er hat über Jahre hinweg Impunity gezeigt und handelt auf der internationalen Bühne mit historisch gewohnter Brutalität.
8. Einschätzung der Biden-Administration
Glasser erklärt, dass Biden die Bedrohung durch Putin realistisch einschätzt, aber die Bedrohung möglicherweise unterbewertet hat, da der Fokus auf China lag.
„Sie dachten, ein bisschen Aufmerksamkeit würde ausreichen. Das war ein großer Irrtum.“
Die Administration unterschätzte Putins Bereitschaft, alles auf eine Karte zu setzen.
9. Putins Ideologie und die Dehumanisierung der Ukraine
Putin betrachtet die Ukraine als illegitim, die ukrainische Führung als „Ameisen, die es zu zerquetschen gilt“.
Dehumanisierende Rhetorik erinnert an totalitäre Sprache des 20. Jahrhunderts
Propaganda vermittelt, dass Ziel der Vernichtung der ukrainischen Führung und Bevölkerung sei
Diese Ideologie wird konsequent in der Gesellschaft verbreitet und von Medien verstärkt.
10. Der menschliche Tribut des Krieges
Glasser betont die massiven menschlichen Konsequenzen:
Krieg verursacht Tod und Zerstörung in großem Maßstab
Informationszeitalter verstärkt die Wahrnehmung: Live-Berichte aus der Ukraine zeigen Zerstörung in Echtzeit
Magnitude und Trauma des Krieges sind historisch einzigartig
„Man kann Twitter aufmachen und sieht die Tragödie der Menschen, Kinder, die von ihren Vätern weggerissen werden. … Wie wenn der Zweite Weltkrieg live getwittert worden wäre.“
11. Putins Bedrohungspotenzial und nukleare Drohungen
Glasser bezeichnet Putin als die gefährlichste Person der Welt:
Er reagiert auf Bedrohung mit Eskalation
Nukleare Drohungen sind Teil der russischen Doktrin, nicht bloß Symbolik
Russische Militärübungen testen Szenarien für den Einsatz taktischer Atomwaffen
„Das ist keine Fantasie. Die russische Militärdoktrin schließt diese Optionen ein, falls das Regime bedroht wird.“
12. Fazit: Putins Risiko, Ideologie und globale Konsequenzen
Glasser fasst zusammen:
Putins Entscheidungen sind persönlich, maximalistisch und unumkehrbar
Krieg in der Ukraine ist Ergebnis seiner Lebensgeschichte, Ideologie und Erfahrung
Die Kombination aus militärischer Macht, ideologischer Rechtfertigung und innenpolitischer Kontrolle macht ihn zu einer enormen Bedrohung für die Welt
Die westliche Reaktion, Spaltungen in den USA und Missverständnisse über Putins Intentionen haben den Weg zur Eskalation geebnet
„Wir sind in einer Situation, in der es kein Zurück mehr gibt. Für Putin, für Russland und für Europa.“
Schlussgedanke: Susan Glasser zeigt, dass der Krieg in der Ukraine nicht nur eine geopolitische Auseinandersetzung ist, sondern das Produkt einer persönlichen Agenda Putins, die sich über zwei Jahrzehnte entwickelt hat. Gewalt, Täuschung, politische Isolierung und ideologische Rechtfertigungen sind für ihn Mittel zum Zweck, deren Konsequenzen die ganze Welt spürt.

